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In den Krypten des Ulmer Münsters

In den Krypten des Ulmer Münsters

Im Münster, auf dem Münster und um’s Münster herum sind die meisten von euch bestimmt schon mal gewesen. Aber wer kann behaupten, einen Blick in die Krypten der Kirche geworfen zu haben? Kleiner Tipp: Es erwartet euch absolutes Kontrastprogramm.

Ab in den Keller

„Zu allererst: Im Münster gibt’s keinen Keller“, erklärt Hans Peter Hartmann, der ehrenamtlich Führungen im Untergrund des Münsters hält. Einige Zuhörer schauen enttäuscht. Das hatten wir nicht erwartet. Aber was gibt’s dann überhaupt zu sehen? Der Kirchenführer leitet uns zur Valentinskapelle rechts neben der Münsterkirche, die wegen Restaurationsarbeiten gerade mit einem schicken Metallgerüst bestückt ist. „Anstatt eines normalen Kellergewölbes warten heute zwei Krypten auf Sie. Und weil es da unten recht kuschelig werden kann, ist die Gruppe auf zwölf Personen begrenzt.“ Hartmann öffnet eine hölzerne dunkle Doppeltür mit großen Luftlöchern, die uns auf die karge Atmosphäre des Untergrunds bereits bestens vorbereitet. Eine steile Steintreppe führt runter in die Krypta. Je mehr Stufen wir gehen, desto feuchter und kälter wird die Luft. Der Kontrast zwischen strahlender Sonne an der Oberfläche und drückender Dunkelheit im Gewölbe strengt das Auge an und man sieht erst einmal nichts.

Hartmann betätigt ein kleines Licht in der Mitte des Raums und schenkt der Krypta endlich etwas Helligkeit. Eine dicke Spinnwebe schlängelt sich um die vergilbte Glühbirne. Ab und an fallen dicke Wassertropfen von der Gewölbedecke und klatschen uns des Öfteren vor die Füße. Nie soll es dort unten mehr als 8 oder höchstens 10 Grad Celsius haben – ein potenzieller Pilgerort für alle Nassgeschwitzten im Ulmer Hochsommer.

Die Krypta der Valentinskapelle auf der rechten Seite des Ulmer Münster. Foto: Maurice Röhler

Nach längerer Betrachtung fällt auf: Der Raum wirkt asymmetrisch. „Die Krypta bewegt sich über die Jahre. Das Münster zum Glück nicht,“ versichert Hartmann. Es geht weiter in einen Raum mit mehr toten als lebendigen Personen. Keine Sorge, einem Haufen verstaubter mittelalterlicher Skelette ist man hier nicht ausgesetzt: Eine dicke Betonwand trennt den Raum von den Gebeinen über 200 reicher Leute, die seit den 1950ern in der Krypta liegen. Lediglich ein vergilbter Totenkopf schmückt die Mitte der Ziegelwand – ob als Andenken oder als Akt künstlerischer Freiheit weiß man nicht. Erst lagen die Überreste der einst privilegierten Bürger in der Neidhart-Gruft, dann auf dem Münsterfriedhof. Nach der Restauration des Münsterplatzes fanden die Skelette ihren Platz in der Krypta der Valentinskapelle.

Hinter der Ziegelwand und dem Totenkopf liegen die Überreste von über 200 Menschen. Foto: Maurice Röhler

Die Räumlichkeiten der Kapellenkrypta dienten jedoch nicht nur als Massengrab: Die hohe Luftfeuchtigkeit war ideal, um neben Bierfässern auch Schmalz und Butter zu lagern. Deshalb hieß die Kapelle eine zeitlang auch „Schmalzhäusle“. Während des 30-jährigen Kriegs die letzte Anlaufstelle für hungernde Arme.

Je weiter die Gruppe durch den Untergrund geht, desto kühler wird es. Das kleine Fenster am Ende des Raums schenkt gerade so viel Licht, dass man nicht gegen eine Wand läuft. Im letzten Raum knipst Hartmann seine Taschenlampe an und leuchtet auf ein Siegel im steinernen Gewölbe. „Der Raum ist leer, aber hier standen früher die Steinsärge der Familie Rembold. Und wegen denen stehen wir auch hier unten.“ Ein eigenartiges Gefühl, dort herumzulungern, wo einst zahlreiche mittelalterliche Leichen aufgebahrt waren – mit  originalem Bodenbelag aus Ziegelsteinen. Es geht wieder an die Oberfläche. Nicht die heiterste Atmosphäre dort unten, aber definitiv erinnernswert.

Im Herzen vom Münsterplatz

Hartmann führt uns in die Münsterkirche. Die alltägliche Phrase „Unterschied wie Tag und Nacht“ könnte nirgendwo mehr Bedeutung finden. Die prunkvollen gotischen Gewölbe, die im Mittelschiff des Münsters zu sehen sind, bieten mit ihren 41,6 m Höhe – verglichen mit den niedrigen, farblosen Decken der Krypta – absolutes Kontrastprogramm. Durch die vielen bunten Chorfenster an den Seiten und der Front durchdringt Sonnenlicht die Kirchenhalle. Hier war Leidenschaft am Werk. 513 Jahre Blut, Schweiß und bautechnisches Geschick, um die 161,53 m hohe Kirche zu errichten. Und dabei verlief nicht alles reibungslos.

Hartmann hat den Ursprung allen Übels gut im Gedächtnis: „Wisst ihr, was Columbus‘ Entdeckung Amerikas und und die Erfindung der Kehrwoche gemeinsam haben? Das war beides im Jahr 1492. Und genau da brachen, während einer Sonntagspredigt, zwei Steine aus dem Gewölbe des Münsters.“ Diagnose: mangelhaftes Fundament. Der Turmbau wurde abgebrochen und Bautechniker schlugen die Hände über dem Kopf zusammen. „Weiß einer, wie schwer das Münster eigentlich so ist?“. Um die 30.000 Tonnen, schätzt einer der Zuhörer. „Man nehme eine Autoschlange, die von Ulm bis nach München reicht und wieder zurück. Da wären wir bei 50.000 Tonnen. Und die trägt das Fundament des Münsters.“ Abwegig, dass die Baukunst im 14. Jahrhundert schon so fortgeschritten war, dass das Fundament dieses Gewicht auf Dauer tragen kann. Ein Erdbeben im Hohenzollerngraben hatte einen 1 mm großen Riss im Gewölbebogen des Münsterturms zur Folge, der sich schon bald auf 2 mm ausweitete. Aus bautechnischer Perspektive eine absolutes Desaster.

Die 41,6m hohe Gewölbedecke des Ulmer Münsters. Foto: Maurice Röhler

Hartmann führt die Gruppe näher an den Eingang des Münsters im Mittelschiff der Kirche. „Genau unter uns gibt’s 80×80 cm dicke Gewölbebogen aus Granit. Und hier hat man die Lösung für das Problem gefunden.“

Über eine Treppe im Münster gelangen wir in die Gruft der Neidhart-Kapelle, wo selbige Familie begraben war. Die Luft kaum besser als in der Valentinskrypta, aber nicht so feucht. Ein durchgerosteter Heizkörper ziert das andere Ende des Raums. Auf der linken Seite zwei hölzerne Regale, auf denen undefinierbare Platten gestapelt sind. Das Licht ist zu dunkel, um es von der Weite zu erkennen. Hartmann entnimmt eine davon, und pustet, fast wie im Film, den Staub weg. Es sind Teile bunter Kirchenfenster mit blumigen Mustern und abgestumpften Farben. Es war einst ein Lagerraum für Handwerker der Kirche. Es geht weiter.

Alte Kirchenfenster des Ulmer Münsters lagern verborgen in der Krypta der Neidhardkapelle. Foto: Maurice Röhler

Hartmann dreht sich zu uns, beide über 1,80 m groß und grinst: „Jetzt heißt es Kopf einziehen.“ Abschrecken tut uns das keineswegs. Lediglich ein paar verstaubte Stromkästen zieren die Wände und die eine oder andere Spinnwebe verfängt sich im Haar. Dann eine Tür am Ende des Gangs. Was wir sehen, verwundert uns doch sehr: der Jugendraum des Dekanats unter’m Münsterplatz 21. Dass sich uns am Ende des urigen Untergrundgangs ein Stück junge Zivilisation offenbart, hätten wir als Letztes vermutet. Die Luft dort ist warm und trocken und riecht nach Holzleim – fast schon angenehm nach dem modrigen Mief der Krypta. „Hier stand früher ein Heizkessel, der den Kirchensaal mit Wasserdampf beheizen sollte. Das war aber nix, haben sie relativ schnell rausgefunden.“ Wir folgen Hartmann in den nächsten Gang, der uns direkt zu den Gewölbebogen führt. Hier gestaltet sich das Leben mit 1,80 m Körpergröße als erstaunlich hart. Zahlreiche Abzweigungen und Deckenbalken später staunen wir nicht schlecht über unsere Spinnweben-Hauben im Haar, genießen aber gleichzeitig das Gefühl der Abgeschiedenheit und Kühle, das uns an der hitzigen Oberfläche wieder verlässt. Im letzten Raum erklärt sich die maximale Teilnehmerzahl von 12 Personen von selbst: Lediglich eine schmale Furche links und rechts bietet Platz für ein paar Menschen im Raum. Der Großteil der Fläche ist mit den Gewölbebogen besetzt und erstreckt sich über mehrere Räume.

„Was den Kirchturm vom Münster nun gerettet hat, waren Zuganker aus Chrom-Nickel-Stahl, die man an den Gewölbebogen angebracht hat, um die die 50.000 Autos zusammenzuhalten“. Um den Riss auszumerzen, erhitzt man die Gewindeschlösser der 14 Anker und schraubt sie zu. Das zieht wiederum das Fundament zusammen. Der Riss schrumpfte von zwei auf einen Millimeter. Ein enormes Aufatmen bei den Bauingenieuren. „Und der letzte Millimeter“, erklärt Hartmann, „verschwand durch natürliche Umstände wie kleinere Erdbewegungen erstaunlicherweise eigenständig.“ Regelmäßig wird das Münster auf Risse geprüft. Bei einem Fund könnte man Teile des Kirchenbodens unter dem Turm wieder aufbrechen und dasselbe noch einmal machen. So bleibt uns der Münsterturm wohl doch noch einige Zeit erhalten. Gewusst wie!

Die Chrom-Nickel-Stahl-Anker im Untergrund des Münster waren die Lösung für den Riss. Foto: Maurice Röhler

Fazit zur Krypten-Führung: Reichlich Geschichte, die unter den Böden der Kirchenhalle schlummert & eine ganz neue Sicht auf das Münster, die sich nicht jedem Touri bietet. Daumen hoch und klare Empfehlung – nicht nur für Bau-Kenner.

P.S. Die Kellerführungen finden nur an ausgewählten Tagen im Monat statt. Tickets sind für 8 € p. P. im Münstershop erhältlich. Für Infos zu Terminen und Tickets: fuehrungen@muensterbauamt-ulm.de

 

Jana Schüler
Jana Schüler

Vom bayrischen Provinzdörfchen über Stuttgart nach Ulm. Im März 2019 hat die Thai-food-liebende Masterstudentin in Ulm ihre neue Heimat gefunden und erkundet jetzt Stück für Stück, was unsere Münsterstadt so wundervoll macht. In Stuttgart stets auf der Jagd nach versteckten Cafés, Hotspots und dem Place to Be für gediegene Feierabende, hat sie nun ein neues Projekt: Ulm – und alles, was ihr die Umgebung zu bieten hat. An warmen Sommertagen genießt sie Sonnenuntergänge am Flussufer mit Freunden. Dazu gern ein Gläschen Weißwein – oder auch mal ein Cider, wenn es süß sein darf. #provinzmädchen spicyfood #hotspotfinder #travel

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